Pressemitteilung Nr. 3 - 2021

Blick in die Ausstellung „Johann Christian Lotter – Ein ideenreicher Reißzeugfabrikant“

Mit der Wiedereröffnung der Museen im Alten Schloss in Neustadt/Aisch ist nun auch deren Sonderausstellung „Johann Christian Lotter – Ein ideenreicher Reißzeugfabrikant“ wieder zu sehen, die an die Geschichte der Neustädter Zirkelindustrie erinnert.

Eigentlich war Nürnberg Jahrhunderte lang das Zentrum der Reißzeugmacher in Deutschland. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war dieses Handwerk in eine tiefe Krise geraten, die erst mit dem beginnenden Industriezeitalter durch moderne Reißzeugfabriken überwunden werden konnte. Diese Entwicklung strahlte bald auch in die Umgebung aus. So entstanden gegen Ende des 19. Jahrhunderts bis ins 20. Jahrhundert in Emskirchen, Langenzenn, Neustadt an der Aisch und Wilhelmsdorf Reißzeugfabriken mit ihren Zulieferern und Ablegern, die nach und nach an Bedeutung gewannen und schließlich die Nürnberger Produzenten überflügelten.

Ein Mann, der wesentlich zu dieser Entwicklung beitrug, war Johann Christian Lotter (1856 –1936). Mit seinen technischen Ideen, die er sich in Patenten sichern ließ und die er als selbstständiger Reißzeugmacher und Reißzeugfabrikant realisieren konnte, gab er der Reißzeugindustrie wichtige Impulse. Seine Reißzeuge waren von hoher Qualität und im In- und Ausland begehrt, sicherten vielen Menschen in der Region in schwierigen Zeiten Arbeit und machten Neustadt als Firmensitz mit einem Zweigwerk in Wilhelmsdorf bekannt.

Viele von Lotters Zirkeln sind in der Sonderausstellung der Museen im Alten Schloss zu sehen. „Das sind nicht nur Schulzirkel. Es sind vor allem Präzisionszirkel für Techniker und Ingenieure, die das Firmenlogo ‚Original Lotter‘ tragen, von Einzelzirkeln bis zu ganzen Zirkelkästen,“ berichtet Museumsleiter Jochen Ringer über die Exponate.

Verbesserte Zirkel und neue Zirkeltypen

Etliche von Lotters Erfindungen galten der Verbesserung der klassischen Zirkel. Bei den Scharnierzirkeln wurde das mit drei wichtigen Änderungen erreicht, die von der Firma auch in der Werbung hervorgehoben wurden: Der Geradeführung des Zirkelgriffs, der Teleskop-Verlängerung eines Schenkels und der Mikro-Feineinstellung der Nadel, wie sie bei verschiedenen ausgestellten Modellen zu sehen sind.

Die Firma Lotter produzierte aber auch einige neue Zirkeltypen. Die originellste Leistung Lotters war wohl die Erfindung seines Parallelzirkels. Dieser hat die interessante Eigenschaft, dass seine Unterschenkel beim Öffnen des Zirkels immer parallel zueinander bleiben. Nadel und Zeicheneinsatz sind dann beim Zeichnen immer senkrecht zur Zeichenfläche.

Ein ähnlicher Effekt wird mit dem Schneidezirkel erreicht. Hier zwingt eine Stange zwischen den Unterschenkeln die Einsätze dazu, sich beim Öffnen des Zirkels zu ihr senkrecht zu bewegen. Das Instrument ist dank der Konstruktion sehr stabil, so dass es – wie sein Name sagt – gut zum Schneiden geeignet ist.

Auch Ellipsenzirkel sind in der Ausstellung zu sehen. Technische Zeichner benutzten für Ellipsen häufig Schablonen, die allerdings nur bestimmte Maße zuließen. Um flexibel zu sein, wurden Ellipsenzirkel entwickelt. Von diesem Instrument wurden aber nur wenige Exemplare gefertigt, weswegen sie heute sehr selten sind.

Statussymbol für Zeichner

Einige Vitrinen zeigen außerdem große Zirkelkästen. Die Reißzeugfirmen haben ihre Instrumente in der Regel in Kästen zur schonenden Aufbewahrung untergebracht. Diese wurden meist aus Holz angeboten, die häufig einen schwarzen Bezug hatten und innen mit farbigem Filz oder Samt ausgeschlagen waren. Ein klassischer Zirkelkasten der Firma Lotter war auf dem Deckel markiert.

Später wurden auch Kästen aus Metall und Kunststoff verwendet. Die Kästen wurden meist von Zulieferern in der Nähe der Werke gefertigt. Die Firmen boten eine große Vielfalt von Zirkelkästen mit unterschiedlichen Zusammensetzungen von Instrumenten an. So ließen sich die Reißzeuge mit ihren Spezialitäten universell verwenden. Ein großer Zirkelkasten bedeutete also einen Anreiz für Käufer, möglichst für alle Fälle gewappnet zu sein. Er konnte dann sogar zu einem Statussymbol werden.

Ausstellung bleibt bis Ende Juli

Hans-Joachim Vollrath, emeritierter Mathematik-Professor der Universität Würzburg, hat die Schau zusammengestellt. Bei Recherchen zu historischen mathematischen Instrumenten ist er auf die fränkische Reißzeugindustrie gestoßen und hat mit dem Sammeln der unterschiedlichsten Zirkeltypen begonnen. „Prof. Vollrath hat eine tolle Sammlung an Reißzeugen zusammengestellt, an denen sich die Funktionsweise und die Weiterentwicklungen von Lotters Instrumenten nachvollziehen lassen,“ freut sich Ringer. „Über diese Zusammenarbeit sind wir sehr glücklich, denn hier ist eine wirklich sehenswerte Ausstellung über ein Stück Neustädter Industriegeschichte entstanden.“

Die Ausstellung ist noch bis Ende Juli 2021 in den Museen im Alten Schloss zu sehen und kann zu den regulären Öffnungszeiten mittwochs, freitags und sonntags von 14 bis 17 Uhr in Neustadt/Aisch besichtigt werden. Die Besucher werden aufgrund der aktuell geltenden Corona-Auflagen jedoch um eine vorherige Anmeldung unter Tel. 09161/6620905 oder info@museen-im-alten-schloss.de gebeten.

In unserem Pressebereich haben wir eine Auswahl an Pressebildern für Sie bereitgestellt, die Sie unter Angabe der Herkunft gerne zur Berichterstattung verwenden können.

Herzliche Grüße aus dem Alten Schloss

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